S‘het Schnee Bro!

Oh wie herrlich ist doch der erste Schnee! Und es hat so viel geschneit, ich musste meinen Lorbeer vor den Fenstern gestern dreimal ausschütteln und heute Morgen nochmals, um ihn von der schweren Last zu befreien, denn er hing schon halb zu den Nachbarn hinab. Das Taubenpärchen gurrte vor Ungewissheit, ob der Schnee jetzt in ihr Versteck fiel, oder ich sie gar wegscheuen würde. Mit ihnen habe ich eigentlich Frieden geschlossen, doch scheinbar trauen sie dem nicht so recht. Vielleicht, weil sie unseren Friedensvertrag nicht immer einhalten. Der lautet nämlich: Nachtlager ohne Eier legen. Zum Glück ist jetzt Winter, da muss ich weniger schimpfen mit ihnen.

Weil ich wusste, dass es gestern Nachmittag zünftig zu schneien beginnen würde, bin ich wohlweislich mit dem Velo und dem Zug zur Arbeit gefahren. Denn, obwohl ich es liebe, im Schnee Auto zu fahren, musste ich es stehen lassen. Den Termin für den Radwechsel habe ich ein bisschen verplempertet. Es wird erst im Dezember gemacht. Jänu. So bin ich eingepackt wie ein Eskimo auf dem Velöli abends durch den Schnee, übers Eis und in der braunen Matschsuppe vom Bahnhof SBB Richtung Saint Louis gefahren. Die Schneeflocken trübten meine Sicht. Manchmal fiel Schnee von den Bäumen auf meinen Kopf. Ein Auto spritzte mich an. Aber es hat Spass gemacht.

Seit ich wieder mehr Zug fahre, fällt mir auf, dass an mir die Entwicklung der Sprache der Jugend vorbei gegangen ist, obwohl ich täglich Kinder und Jugendliche unterrichte. „Bro.“ „Hey Alte“. In einer speziell brummligen Tonlage. Ganz hinten in der Kehle. Das höre ich im Unterrichtszimmer nie. Es sind wie eine Art Fremdwörter, welche ich zwar verstehe, aber nicht sprechen kann. Beim unentwegten Hören dieser Wörter, der Tonlage und dem Gesang der Sätze, während den Konversationen der Jugendlichen im Zug, fühle ich eine Mischung aus Erstaunen, Unverständnis und Melancholie in mir aufkommen. „Hey alte“ Warum Alte? Also eigentlich bin ich doch alt. (Aber solange sie mich nicht „Alti“ nennen, bin ich wiederum froh.) „Bro“ in jedem fünften Satz. Bro? We are Family? Da gehöre ich nicht dazu. Jetzt ist wohl der Zug meiner Jugend definitiv abgefahren, und ich kann ihm nur noch nachwinken. Da ist was in mir passiert. Nennt man es eben das Alter? Hey Alti! Willkommen!

Und während ich der Sprachkultur der Jugend nachsinne, wird draussen dem Schnee den Kampf angesagt. Aber er verzaubert und eint trotzdem jung und alt. „Hey Alte, kumm mol go luege, Bro! So geil: Schneeeeee!“