Weiss

Nun sitze ich wieder einmal auf meinem Sofa, blicke auf die alte Bernina Nähmaschine auf meinem Esstisch und bin ganz stolz, dass sie da steht, und dass das schon seit über einem Jahr zu flicken Angestandene endlich geflickt ist. Die Nähte meines eigentlich relativ neu erstandenen, sündhaft teuren Support-the-local-dealer-bayrischen-Loden-Reiteroutfit. Auch meine heiligen Hanro-Unterleibchen, ausgerissen unter den Armen, so alt sind sie, sind wieder einsatzbereit. Ein T-Shirt, nur von H&M, aber welches ich wegzuwerfen nicht traute, doch auch nicht mehr anziehen konnte, weil es ein Loch an markanter Stelle hatte, wurde von Hand geflickt. Und ein Wollkleid, ja das hatte einige Mottenpartys aushalten müssen, ist auch wieder tragbar. Ich muss zugeben, die Löcher sind rudimentär geflickt. Aber Löcherflicke sind ja jetzt salonfähig. Shabby chic. Und erst noch upcycled. Voll im Trend.

Zudem ich mit 7kg weniger wieder in meine ältere Garderobe passe. Was so viel heisst, dass, wenn sie die Motten nicht komplett unanziehbar verlöchert haben, ich gar nix Neues mehr kaufen muss.

Da kommt natürlich die Frage, ob ich überhaupt was Neues kaufen müsste. Haben ich doch, verlöchert oder nicht, von allem mehr als genug. Und sonst kann man‘s flicken. Wiederverwenden. Reparieren. Ummodeln.

In meinem Haushalt befinden sich Dinge, mit denen kann ich noch zwei Leben lang leben. Oder eine zehnköpfige Familie gründen. Für welche es natürlich zu spät ist. Oder einige Häuser damit füllen. Für welches mir das Kleingeld fehlt. Dafür merke ich, dass so langsam aber sicher einiges in meiner Wohnung zu renovieren oder zu flicken anstehen würde. So schnell gehen acht Jahre vorbei, seit ich da eingezogen bin. Und so schnell funktionieren neue Geräte nicht mehr. Oder werden Wände schmutzig. Aber auch da ist die Frage: Warum müssen eigentlich Wände schön weiss sein? Und alles picobello?

Ich bin gerade am googeln und lerne, dass weisse Wände „nachweislich schädliche Auswirkungen wie z. B. Angstzustände, Konzentrationsmangel, störendes Verhalten und depressive Stimmung bei SchülerInnen und LehrerInnen“ haben würden. Aha. Und es steht noch schlimmer: Es sei sogar „lebensfeindlich“, natürlich auch ausserhalb des pädagogischen Alltags, meint ein Professor Doktor Farbforscher aus Berlin. Aber wenn ich dann da so sein Interview lese zu seiner Farbenforschung, dann ist seine Aussage zu rot wie „aus der Vergangenheit, wo Frauen noch Früchte gesammelt haben“ oder „das die Hautfarbe der Mütter ist, wenn wir (als Kinder) in ihre Gesichter schauten“ so was von ungeforscht und an Rapunzelhaaren herbeigezogen ist, dass ich mich gerade, oder immer noch, in meinen weissen Wänden wohl fühle. Und auf meinem weissen Sofa erst recht. Ich aber wieder zurückkommen muss auf meine nicht mehr so weissen Wände und mein langsam auch nicht mehr so weisses Sofa. Jetzt ich mich also entscheiden kann zwischen: Die Wände der Farbforschung zum Trotz neu weissglen und das Sofa reinigen lassen soll, oder dem „alles muss sauber und neu sein“- Wahn zum Trotz seiner Patina und natürlicher Vergilbung freien Lauf lasse und somit der Farbforschung eigentlich wieder recht gebe, denn es gleicht sich mit der Zeit dem Erdton an.

Shabby chic zum Zweiten. Voll im Trend. Inklusive im Budget. CO2 neutral.

So lässt es sich doppelt gut fühlen in meinen weissen Wänden. Herrlich!