Tea Time

Nun sitze ich im seidenen Pyjama in der Küche auf dem Spaghetti-Sessel in meine Missoni-Wolljacke eingewickelt. Neben mir blubbert die kalte Heizung. Der Winter kam zu früh, wir hätten eigentlich noch Sommer, der Heizungsmonteur ging leider auch zu früh. Er hat am Freitag wohl die Heizungsanlage in Betrieb gesetzt, aber das warme Wasser vergessen. Es blubbert somit das in den Bergen geschmolzene Gletscherwasser in meinen Heizkörpern. Mein Missoni-Jäggli, eigentlich viel zu kostbar u schon fast zu kurz, um mich gewickelt, darum, weil die funktionelleren Wollstrickmäntel im Keller versorgt sind. Um dort hin zu gelangen, müsste ich jetzt meine mich wärmenden Textilien ausziehen, mich duschen u Haare waschen, föhnen, eincremen etc etc, oder im jetzigen Zustand, nämlich wie nicht mal mehr eine Vogelscheuche, sondern ein Gespenst, eingewickelt in meinen Regenmantel, um das Pischi zu verstecken, eventuell noch die Putzfrau und den Heizungsmonteur im Treppenhaus erschreckend, in den Keller gehen, im Lift den Spiegel ignorieren und mir mein warmes Zeugs hochholen. Dann wäre mir wohl die Lust zum Schreiben vergangen, und der Tag nähme einen anderen Lauf.

Gestern Nacht kamen noch Fotos von unserem Stallfest in unserem Gruppenchat an. War das ein wundervoller Tag und ein richtig gelungenes Festli mit Tarte Flambées und allerlei zum Essen und Trinken. Gemütliche Atmosphäre und gemütliche Stimmung. Sowieso war mein Wochenende gespickt mit sympathischen Ereignissen.

Am Abend zuvor lud ich spontan zum Dinner ein, es gab zu guter Stimmung viel zu essen, und es wurden gute Tropfen mitgebracht. Danach, also einiges nach Mitternacht, radelte ich noch ganz alleine durch die stillen Strassen und die Kälte in den Club. So schwang ich das Tanzbein, je früher der Morgen, desto gut gelaunter die Tanzenden. Gegen fünf Uhr morgens mochte auch ich nicht mehr, radelte zurück durch den Nebel, zum Glück mit Handschuhen, in Saint Louis wurden schon die ersten Stände für die « Brocante » aufgestellt, nahm eine Dusche und schlief ein paar Stündchen, bis mich Wecker und die Pflicht riefen, nämlich aufzustehen u Salat für das Festli zu rüsten.

Alles eingepackt, mich inklusive, ein bisschen Farbe um die Augen, und Hü, fuhr ich mit meinem noch gnädigen Auto zum Stall. Ich fühlte mich fit und ja, sogar ein weeneli sexy. Schlussendlich war ich doch mit leichten Absätzen und engen Reithosen unterwegs.

Doch wie gesagt, kamen gestern Abend Fotos an von diesem Fest. Ich zog die Brille auf und …. Jemmersnei! Sah ich doch eine Vogelscheuche inmitten der Gesellschaft. Das war ich! Schlechte Haltung, scheiss Frisur beziehungsweise keine, fürchterlich angezogen, müdes Gesicht, verrunzelt logischerweise, und überhaupt ! Von Sexiness keine Spur. Es kamen mir alle Bilder meiner Jugend , welche ich von Frauen in meinem jetzigen Alter hatte, welche so rumliefen, in den Sinn. Und die Kommentare dazu. Es kamen mir meine älteren Kollegen in den Sinn, welche ‚sich gehen lassen‘, mein überpingeliger Vater, von dem ich dreckige Wollschals erbte, meine Freundin B, welche schon länger sagt, sie trinke keinen Alkohol mehr, sonst sähe sie am nächsten Tag „scheisse“ aus, mein schwuler Kollege, welcher meinte, Frauen sollten ab einem gewissen Alter BH‘s tragen … Oh my gosh! Jawoll. Da bin ich jetzt, ob ich es wahrhaben möchte oder nicht. Fertig lustig.

Ab fünfzig ist man nicht mehr zerzaust, sondern ungepflegt. Ab fünfzig sieht man nicht mehr verschlafen aus, sondern verlebt. Ab fünfzig ist man nicht mehr locker gekleidet, sondern schmuddelig. Ab fünfzig ist man nicht mehr überschminkt, sondern vermalt. Ab fünfzig steht man nicht mehr locker da, sondern eingeknickt.

Ab fünfzig ist man nicht mehr schön, sondern man war es mal.

Und ja, ab fünfzig muss auch Super-Chanti sich eingestehen, dass ihre Pseudo-Hippy-Art und Weise, sich durch den Tag zu lümmeln, nicht mehr so attraktiv und cool mitanzusehen ist. Denn ohne ein weeneli Fitness und Sorgfalt dem alternden Körper gegenüber, zerfällt der im Nu noch schneller.

Eigentlich sollte ich jetzt mein Mätteli ausrollen, aber bei 17 Grad in meiner Wohnung ist mir grad nicht so drum, mich aus meinem Pischi und dem Wolljäggli zu wickeln. Ein warmes Bad? Danach in die Kälte aussteigen…. brrr.

Vielleicht mal ein warmer Tee. Trinken sei gut für den Körper. Hü Chanti Hü! Und dann kommt eventuell die Wärme von innen, die Überwindung damit und …

..und dann überlege ich mir das ganze nochmals von vorne!